Chance für Kröten

In die Top Ten der Lieblingstiere schafft es die Erdkröte wohl kaum. Aber dass sie ausstirbt, wünscht ihr trotzdem keiner. Doch genau das würde ihr ohne Hilfe drohen. Denn die Reise zu ihren Laichgewässern, die die Kröten jedes Frühjahr antreten, sobald die Temperaturen nachts auf acht Grad ansteigen, ist gefährlich. Gerade in dicht besiedelten Regionen wie dem Ruhrgebiet müssen sie dafür einige Straßen überwinden. „Die Überquerung ist für die Kröte deshalb so gefährlich, weil sie so langsam watschelt. Kröten können nämlich nicht wie Frösche hüpfen“, sagt Sina Friedrich, zuständig für Artenschutz beim Umwelt- und Grünflächenamt der Stadt Bochum. Zusammen mit einer Hand voll Bundesfreiwilligendienstleistender und Privatpersonen sorgt sie dafür, dass die alljährliche Krötenwanderung nicht zum Selbstmordkommando wird. Dieses Jahr halfen sie etwa 14.000 Tieren, dass sie ihre Laichgewässer unbeschadet erreichten. Wer mithelfen will, kann sich bei Sina Friedrich unter sfriedrich@bochum.de melden.

Ohne ihr Handeln hätten die Kröten kaum eine Chance. Zum Überqueren einer normalbreiten Straße brauchen sie eine Viertelstunde. Und selbst wenn Autofahrer ausweichen wollten und könnten, würden sie die nachtaktiven Kröten in der Dämmerung gar nicht sehen: „Ab 20 Stundenkilometer ist die Kröte als solche für den Autofahrer nicht mehr erkennbar“, sagt Friedrich. „Sie sieht für ihn dann aus wie ein Laubblatt auf der Straße.“ An manchen Straßenabschnitten ist das Krötenaufkommen so hoch, dass sie wie ein Teppich die Straße bedecken: „Auf der Rauendahlstraße waren es auf einem Abschnitt von 20 Metern Straße fast hundert“, erinnert sich die Diplom-Ingenieurin. Ein Ausweichen wäre dann auch für die langsamsten Autofahrer unmöglich.

Ohne Hilfe würden die meisten Kröten ihre Laichgewässer also nicht erreichen. Am effektivsten sind Amphibientunnel, die in regelmäßigen Abständen unter der Straße durchführen. In Bochum gibt es solche Tunnel an der Ortsumgehung Blücherstraße vor dem Landschaftsschutzgebiet Kruppwald. Die Röhren sind dabei erstaunlich groß. So groß, dass auch ein erwachsener Mensch ohne Probleme durchkriechen könnte. Friedrich: „Damit es in der Röhre nicht zu kalt und nicht zu trocken wird, muss soviel Umgebungsluft wie möglich hinein gelangen – in schmalen Röhren würden die wechselwarmen Tiere erstarren.“ Dementsprechend aufwendig ist der Bau, weswegen die Stadt eher auf Nachtfahrverbote und mobile Krötenzäune zurückgreift. Bei dem nächtlichen Fahrverbot leitet auch die Bogestra ihre Buslinien im Lottental um. Doch der Verkehr muss bei aller Tierliebe auch nachts weiter fließen können, weswegen eine Sperrung von manchen Straßen nicht in Frage kommt.

Dann greift das Umweltamt zur letzten Methode, die am personalintensivsten ist. Mobile Zäune leiten die Kröten in Sammelbehälter um, die dann zwei Mal am Tag auf der anderen Straßenseite entleert werden. Einmal am Abend, damit die nachtaktiven Kröten ihre Wanderung fortsetzen können und das andere Mal am Morgen, sodass die Kröten in den Eimern nicht der Sonne ausgesetzt sind und austrocknen. Bochum hat eine Bundesfreiwilligendienst-Truppe im Einsatz, die die Zäune aufbaut und die Eimer regelmäßig leert. An manchen Zäunen erhalten Sie hierbei Unterstützung von Privatpersonen. Insgesamt haben sie an solchen Krötenzäunen 13.800 Tiere eingesammelt und auf die andere Straßenseite gebracht.

Doch die städtischen Helfer können nicht überall sein. Zum Glück gibt es immer wieder Freiwillige, die sich an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet postieren, um Amphibien von Straßen ohne Schutzzäunen aufzusammeln und auf die andere Straßenseite zu setzen. Was Friedrich bemerkenswert findet, denn: „Kröten sind ja nicht gerade Sympathieträger. Die meisten ekeln sich eher vor ihnen.“ Solche Freiwilligen gab es dieses Jahr in der Centrum-, Emil-, Hannover-, Nevel-, Ober- und Brockhauser Straße. Die Stadt will dieses Engagement in Zukunft noch stärker unterstützen, vielleicht mit Handschuhen und Warnwesten als kleine Anerkennung. Wichtig ist eine Einweisung: „Viele denken leider nicht daran, bei der Rettung der Kröten für die eigene Sicherheit zu sorgen.“