Anstiftung zur Stadtentdeckung

Es ist das budgetloseste Kulturprojekt aller Zeit, gestartet ohne einen Pfennig in der Tasche, aber mit einer Vehemenz an Begeisterung, die viele in der Folge anstiften sollte, Laien wie Profis, jenseits der üblichen Bedingungen mitzuwirken: darunter renommierte Künstler, Geschäftsleute und engagierte Privatleute. Anstiftung zur Stadtentdeckung heißt das feine kleine Programm, das am Freitag in Dorsten im Jüdischen Museum seinen Anfang nimmt.

Vom 6. bis zum 15. September wird an ganz unterschiedlichen Standorten an die Geschichte der Altstadt Dorstens erinnert und die Gegenwart auf neue Spuren befragt.

Begonnen hatte alles ziemlich genau vor einem Jahr, als Anstiftungsinitiatorin Marion Taube den Architekturfotografen Tomas Riehle gewinnen konnte, sich für die Dokumentation der zum Abriss bestimmten Klausur des 300 Jahre alten Ursulinenklosters im Ort zu begeistern. Denn die sollte im Herzen der Altstadt spurlos verschwinden, um einem Neubau Platz zu machen. Die Qualität der Arbeiten von Tomas Riehle wiederum stiftete das Jüdische Museum Westfalen an, sofort als Ausstellungsort für die Foto-Dokumentation zur Verfügung zu stehen.

Zugleich wurde daraus dann das Kooperationsprojekt „Anstiftung zur Stadtentdeckung“ geboren. Aus dem ersten Stolperstein, dass ein weiterer historischer Ort sang- und klanglos abgerissen werden sollte, entwickelte sich eine, von einem bis dahin unbekannten Gemeinschaftssinn getragene sinnliche Reise durch die wechselvolle Geschichte der alten kleinen Hansestadt an der Lippe, deren Altstadt in den letzten Kriegstagen fast vollständig zerstört wurde und heute nur noch an wenigen authentischen Orten an die Schönheit alter Tage erinnern kann.

„Anstiftung zur Stadtentdeckung“ eröffnet an vielen stillen, vergessenen und unbekannten Orten die Chance des einmaligen und ungewohnten Blickes. Wie entdecke ich die Sinnlichkeit einer Stadt? Wie schaffe ich eine neue frische Verbundenheit und stifte Identität? Das eigentliche Herz einer Stadt ist für die Augen oft unsichtbar. Das Verborgene aber bietet die Chance zur Entdeckung. Zu entdecken bedeutet, dass man auch Vertrautes mit neuen Augen anschaut. Anstiftung zur Stadtentdeckung ist ein sinnliches Angebot, die eigene Stadt neu wahrzunehmen. Heimat, die ich (wieder)finde.

Im Rahmen der „Anstiftung zur Stadtentdeckung“ eröffnet sich die einmalige Möglichkeit, die verborgenen Schönheiten und Geschichten wieder deutlicher wahrzunehmen. Dabei soll das Private durchaus privat bleiben. Der einmalige Einblick macht hier den Zauber aus. Das Leitmotiv dieses speziellen Angebots an ein angemeldetes Publikum lautet: nur heute, nur in diesem Rahmen, hier gilt die persönliche Einladung des Eigentümers: eine spezielle Gastgeberschaft auf Zeit.

So kommt ausgewählten privaten Orten ein eigener Charakter in der Entdeckung zu: von hohem sinnlichen Reiz, dabei doch schlicht und ergreifend und vor allem einmalig.

Jeder dieser einmaligen und authentischen Orte erhält ein kleines Programm: bei den Patres und den Ursulinen ein feines Theater-Projekt mit Jugendlichen zum Tagebuch der Anne Frank, eine alte Samenhandlung aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts wird konzertant bespielt, der Ex-Boxer und Polsterer „Ittek“ Seemann bittet auf seinem Schaufenster-Chaiselongue zum Klönschnack über alte Zeiten, eine Hamburger Autorin hat sich auf das Experiment der Stadtschreiberin eingelassen, drei junge Künstler der Stuttgarter Kunstakademie arbeiten in einem Offenen Atelier in der Innenstadt und irritieren mit neuen Stadtbewertungen, die Mutter der Kinderbuchautorin Cornelia Funke lädt erstmals in ihren idyllischen Altstadtgarten und liest mit dem Bürgermeister der Stadt und Kindern aus „Reckless“… – 43 Angebote, 43 mal die Chance einer frischen, unverbrauchten Wahrnehmung der eigenen Stadt mit allen Sinnen.

Dorsten erlebt so an zwei Septemberwochenenden die liebevolle und phantasievolle Eroberung der Innenstadt, ohne Kulturbudget, ohne großen Überbau, allein getragen von einer Welle der angestifteten Begeisterung, der Zuwendung der eigenen Bürger und dem Mitwirken externer Künstler, die gerade diesem ungewöhnlichen Prozess ihr Vertrauen schenken.

Das ausführliche Programm kann unter www.anstiftung-dorsten.de eingesehen werden.